Kann das Emanzipation sein?

Emanzipation bedeutet laut Duden: "sich aus einer, die eigene Entfaltung hemmenden Abhängigkeit lösen, sich selbstständig, unabhängig machen, Gleichstellung erlangen." Ein großes Ziel, dessen Erreichung allen Menschen zu wünschen ist, wenngleich der Begriff vor allem mit der Frauenbewegung verbunden wird. Und wie es bei Zielen halt so ist, hängt die Wahrscheinlichkeit, dass man sie erreicht, maßgeblich davon ab, ob man sie überhaupt kennt, sich ihrer bewusst ist - denn nur so kann man den Weg dorthin einschlagen, und Abwege vermeiden.
Widerspricht die sadomasochistische Phantasie, sich lustvoll, hilflos machen zu lassen oder unterworfen zu werden, diesem Ziel nicht schon im Grundsatz? Bereits die Frage wirkt paradox... Ein Abweg?
Ein Blick in den Giftschrank manchen Kopfkinos, lässt Analogien mancher 24/7 SM-Phantasie zum Frauenbild der deutschen Hausfrauen-Ehe der 50er Jahre auftauchen. Der Weg der Steigerung zum Total-Power-Exchange, der für einige das Ziel ist, scheint vollends talibaneske Züge zu tragen. Darf man das (als Mann oder Frau) in der aktiven oder passiven Rolle anstreben oder leistet man entsprechenden Rollenbildern Vorschub? Wer sich von radikal feminisierenden Menschen (den Begriff hab ich von D. Nuhr aufgeschnappt) abhängig macht, wird die Frage sicher klar verneinen. Aber wenn es einvernehmlich und verbunden mit erotischer Lust geschient, kann das nicht auch Ausdruck von Emanzipation sein?

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Rückschau

Um sich über Emanzipation Gedanken zu machen, trafen sich 4 Frauen und 8 Männer am letzten Freitag im August im Gesprächskreis SundMehr. Die Vorstellungsrunde wurde mit der Frage verbunden, was für sie "Gleichstellung" bedeutet.
Dass dies für ihn eine so selbstverständliche Sache sei, dass er darüber eigentlich gar nicht diskutieren will, weil er sie einfach erwarte, betonte gleich der erste Anwesende. Eine andere Frage sei allerdings, wie diese zu erreichen sei.
Auch für den folgenden war Gleichstellung etwas Normales, wobei die Art, wie die Sichtbarmachung in der Verwendung von Endungen in der Sprache, gefordert würde, ihm doch übertrieben vorkäme. Allerdings meinte er, dass er sich in Ländern, in denen es bezüglich Mann- und Frau keine Gleichstellung gäbe, auch wohl fühle.
Gleichstellung sei für ihn das normalste der Welt, sagte der Nächste und stellte dabei fest, dass eine Unterscheidung der Gleichheit bei BDSM ein Teil des Spiel sei.
Die in der Reihenfolge der Anwesenden, erste weibliche Teilnehmerin, zog sich mit einem Wortspiel aus der Affaire, in dem sie lediglich versprach, zu der Frage bei der anschließenden Diskussion gleich Stellung zu nehmen.
Dass Gleichstellung keine Selbstverständlichkeit sei, empfand die nächste Teilnehmerin; auch nicht im Sinne kultureller Prägung. Es gäbe zwar ein Bestreben in diese Richtung, jedoch sei sie inzwischen sensibilisiert, dass es in unserer Gesellschaft auch Bewegungen in die Gegenrichtung zu geben scheint.
Eine andere Perspektive warf der nun folgende Teilnehmer auf, in dem er feststellte, dass in ihm seine gleichermaßen homosexuelle- wie auch heterosexuelle Orientierung gleichgestellt seien.
Dass ihr Gleichstellung wichtig, jedoch noch lange nicht erreicht sei, äußerte eine weitere Anwesende, der Weg dahin würde noch dauern. Auch ihre Nebensitzerin fand bei einem Blick auf die Gesellschaft, dass es so wirke, als entfernten wir uns aktuell wieder von bereits erreichten Zwischenzielen. Es sei erschütternd.
Die im Einladungstext beschriebene Definition von Emanzipation sei eigentlich eine Mangelbezeichnung, fand dann der nächste Teilnehmer. Bei Gleichstellung ginge es vor allem um die Perspektive auf den anderen, egal, wer er ist. Es sei im Grunde genommen das meiste bereits gesagt, fand sein Nebensitzer. Allerdings wirke es auf ihn so, als würden manche Frauen, bei ihrem Streben nach Gleichstellung ein Verhalten zeigen und Dinge anstreben, die der Sache eher schadeten.
Betrachte man die Statistiken, ergänzte der nächste, spräche einiges dagegen, dass Gleichstellung schon erreicht sei; gerade bezüglich der Entlohnung im Arbeitsleben. Sich selbst hielt er für eine Person, für die Gleichstellung eine Natürlichkeit sei - obwohl auch er immer von einer seiner Töchter auf politisch unkorrekten Sprachgebrauch hingewiesen würde, wenn es beispielsweise um die Unterscheidung zwischen "Friseuse" und "Friseurin" ging.
Dass Menschen von Natur aus gleichen Wert und gleiche Würde hätten, stellte dann der nächste Anwesende fest. Wo jemand den Anspruch auf eine Sonderbehandlung aus seinem Geschlecht, seinem beruflichen oder sonstigen Status ableite, widerte ihn dies einfach nur an. Den Einstieg in die Diskussion bildete dann die Frage, ob eine emanzipierte Person, die Wert auf Gleichstellung legt, sich dann von einer anderen erniedrigenden lassen könnte. Als ein Aspekt wurden die Stellungnahmen von Feministinnen wie Alice Schwarzer zum Thema BDSM dargestellt. Ein Teilnehmer hakte hier ein, dass sie halt, für das Anliegen des Feminismus und um vorhandene, geschlechterbezogene Machtstrukturen aufzudecken, gegen Männer polemisiert hätte und darum auch gegen SM. Ein anderer Teilnehmer zitierte den aktuelleren Fall von Luke Mockridge, der von seiner Ex-Partnerin öffentlich der sexualisierten Gewalt bezichtigt wurde - wobei Ermittlungen inzwischen eingestellt seien, nun allerdings zu einem Rechtsstreit mit Print-Medien geführt haben, wegen unzulässiger Verdachtsberichterstattung.
Während von einigen Anwesenden auf Ähnlichkeiten zum "Fall Kachelmann" hingewiesen wurde, zitierte eine andere den Fall von Maria Marcus, einer Frauenrechtlerin und Journalistin, die sich in den 70er Jahren, in einem Buch offen zu ihrem Masochismus bekannte. Sie selbst konnte diese Gefühle gut nachvollziehen, weil sie sich in dieser Zeit von erotischen Geschichten dieser Art angezogen gefühlt hat. Vor dem Aufkommen eines sexpositiven Feminismus sei die Vereinbarkeit von BDSM und Feminismus auch aufgrund der Positionierung von Alice Schwarzer ("Weiblicher Masochismus ist Kolloaboration!") sehr schwierig gewesen. Diesen Konflikt hat sie in sich gespürt.
Anders erging es einer anderen Teilnehmerin: für sie war das noch nie ein Konflikt, weil Gleichstellung ihre grundsätzliche Überzeugung ist - ein ganz anderes Paar Stiefel dagegen ihre sexuelle Neigung. Was sie ablehne, wäre allerdings eine Gleichmacherei unter dem Deckmantel der Gleichberechtigung. Wenn eine Frau sich typisch weiblich, modisch oder gar sexy anziehen wolle, solle sie dies eben tun. Heutzutage seien individuelle Unterschiede jedoch immer seltener sichtbar zu sein, es dominiere ein relativ einheitlicher modischer Stil, bei dem aufgeklebte Wimpern, lange Fingernägel und ausgeprägtes Make-Up das Auftreten junger Bewerberinnen prägten, wie sie es in diversen Vorstellungsgesprächen erfahren habe. Andere Teilnehmer warfen hier ein, ob dies doch nur eine einseitige Wahrnehmung aus ihrem Berufsfeld sei. Begegnungen im privaten, familiären Umfeld zeigten hier durchaus ein unterschiedliches Bild des Outfits heutiger, jugendlicher Generationen.
Zitiert wurde der weitere Trend in den 70er Jahren, kein geschlechtsrollenfixierendes Spielzeug anzubieten, der sich heute auch wieder - der subjektiven Beobachtung nach - zu ändern scheint. Damals zog auch die koedukative Erziehung von Jugend und Mädchen in die Pädagogik ein. Einige Anwesende erinnerten sich noch an Schulhöfe, die in Jungen- und Mädchenbereiche getrennt waren. Dagegen würden heute wieder - ausgerechnet um die Auswahl geschlechtsspezifischer Berufsbilder zu durchbrechen - "Girlsday" oder "Boysday" eingeführt.
Von Feministinnen à la Schwarzer kritisiert, wird bei BDSM auch die Tatsache, dass Frauen in Korsetts gezwängt werden oder zum Tragen von High Heels genötigt werden, selbst wenn sie dies freiwillig tun, oder dadurch eher ihre dominante Rolle betont sehen wollen - was für BDSM-Insider nur schwer verständlich ist. Da es eher auf die passende Konstellation zwischen "Dominant" oder "Devot" auf dem Hintergrund der sexuellen Präferenz ankommt, spielt das Geschlecht eine geringere Rolle. Dennoch war es einigen Anwesenden wichtig zu betonen, dass eine sadomasochistische Neigung niemand zu einem besseren Menschen macht. Es sind zwar nicht alle Männer, die Frauen in Korsetts sehen wollen, gleich Frauenunterdrücker, jedoch steht der Drang, sich von einer Frau unterwerfen lassen zu wollen, bei einem Mann nicht gleichzeitig für eine gleichberechtigende Haltung gegenüber Frauen; die veränderte Machtstruktur kann auch hier nur auf den erotischen Kontext bezogen bleiben. Von einer weiblichen Teilnehmerin wurde allerdings die Erfahrung berichtet, dass der Verdacht, dass submissive Frauen sich im BDSM-Kontext von Männern unterdrücken lassen, ausnahmslos von Leuten ohne Affinität zu Sadomasochismus aufkommt (was man daher auch Schwarzer unterstellen kann). Bei mangelnder Eigenerfahrung und Unkenntnis in der Unterscheidung zwischen Spielebene und Metaebene, hat offenbar das Erscheinungsbild bei der Einschätzung sadomasochistischer Erotik eine große Wirkung auf selbsternannte Experten.
Eine ehemals auf dominanter Seite agierende Teilnehmerin berichtete dabei von ihrer Erfahrung, dass sie ihre submissiven Neigungen erst mit dem entsprechenden Mann zulassen konnte. Allerdings begab sie sich dann so tief in die Submissive Rolle, dass sie sich auch im Alltag so hilflos gefühlt hat, sodass ihr ihre Situation schließlich unheimlich wurde. Im Gespräch mit ihrem Partner hat sie dann genaue Vereinbarungen getroffen, wie besser zwischen der "SM-Seite" ihrer Beziehung und der "Persönlichen-Seite" unterschieden werden kann. Ihr anwesender Partner ergänzte dann durch um seine eigene Perspektive und berichtete vom bewussten Umgang mit Macht, die er nur in einem einvernehmlichen SM-Kontext einsetzen will. Wichtig sei ihm dabei, die Partnerin nach dem Spiel wieder aufzubauen - denn es mache für ihn keinen Sinn, jemanden zu erniedrigen, der sich ohnehin schon "unten" fühle.
Ein Teilnehmer konnte ergänzen, dass er, wenn er sich in beruflichem Kontext ohnehin schon gestresst fühlt von erniedrigenden Vorgesetzten, die Kompetenzen einschränken oder absprechen, Macht ausüben und hilflos machen wollen, allerdings auch arbeitsrechtlich mit der notwendigen, offiziellen Recht ausgestattet sind, ein geringeres Interesse an BDSM empfindet. Wer sich real gedemütigt und erniedrigt fühlt, kann dies im erotischen Spiel wohl kaum inszenieren.
Die Frage kam dann aus der Runde, was passiere, wenn submissive Leute in ihrem Arbeitsleben geoutet werden. Gleichstellung müsste ja bedeuteten, dass dies keine Rolle spielt. Seine gute Erfahrung mit dem Besuch des Torture-Ship am Bodensee konnte ein Teilnehmer beisteuern, der offen, trotz angelegtem Halsband usw... beim Ablegen des Schiffes, einer im Unternehmen beschäftigten Auszubildenden zuwinkte, die nur lakonisch meinte, das sei ja wie in der Arbeit: die ganze Zeit so angekettet zu sein. Ein anderer Teilnehmer berichtete davon, dass er offen, aber halt auch nur, wo es sich ergibt, zu seiner BDSM-Neigung stehe, er allerdings ja keine Intimitäten berichte, sodass es seinen Kollegen unklar sein dürfte, auf welcher Seite er spiele.
Aus dem Bereich seines politischen Engagements berichtete ein Teilnehmer von Zeiten, wo es innerhalb einer Interessengruppe wohl gelitten war, wenn eine Frau einen Mann dominiert, andersrum dies allerdings zum Ausschluss führen konnte. Daraufhin bildete sich eine Gruppierung, die sich "Böse Blumen" nannte um darzustellen, dass BDSM-Neigungen nichts mit Unterdrückung zu tun haben.
Abschließend stellte ein Teilnehmer noch die Frage, wo Emanzipation eigentlich anfängt. Bei der Person, die sich emanzipieren will, oder beim Umfeld, das ihn darin unterstützt. Es ist immer ein Kampf derjenigen, die sich in ihrer Entfaltung eingeengt fühlen, gegen gesellschaftliche Strukturen, die sie dafür verantwortlich macht, wurde festgestellt. Doch welche Schwankungen gibt es in der Gesellschaft, die dies positiv oder negativ beeinflussen? Die Frage führte zu einem kurzen Exkurs über die "Verinselung" einzelner in unserer Gesellschaft bei gleichzeitiger Informationsflut, der mit Pauschalisierungen begegnet wird. Wer kritisch über Impfungen nachdenkt, wird zum Querdenker erklärt und damit schon gleich zum Anhänger rechtspopulistischer Parteien. Entsprechend auch, wer Fragen an Hypothesen zum Klimawandel hat oder angenommene gesellschaftliche Konsense hinterfragt - und wer diese in den Medien widergespiegelt sieht, betrachtet das Vorhandensein eines Konsenses als Beweis, dass die Regierung irgendwie das alles steuert und die Presse lügt. Es scheint immer schwieriger zu werden, mit unterschiedlichen Meinungen in einen wirklichen Austausch zu kommen, ohne dass pauschalisiert wird oder dass auf das Internet verwiesen wird, usw... die einzelne Erfahrung und Argumentation scheint immer weniger zu zählen, wenn auf fertige Meinungen verwiesen werden kann.
Je weiter wir uns selbst emanzipiert haben, um so akzeptierender gehen wir mit den Emanzipierungswünschen anderer um, stellte ein Teilnehmer dann fest. Beinahe ein weiteres Themenfeld wurde durch den abschließend, mit fragendem Unterton vorgebrachten Kommentar eröffnet, dass die größte Emanzipation doch sei, sich in eine submissive Rolle zu begeben, ohne dass das von außen gesteuert wird.
Eine Teilnehmerin befand: die in der BDSM-Szene anzutreffenden Frauen sind eher emanzipierte Frauen.

Veranstaltungsdaten:

Datum: 25.08.2023
Uhrzeit 20:00 Uhr
Ort:
Anfahrt:

Anfahrt über B 14/B29:
Ausfahrt Fellbach-Süd, dann Richtung Kernen-Rommelshausen, nach der Ortseinfahrt (Kernen-Rommelshausen) im ersten Kreisverkehr rechts in die Waiblinger Straße einbiegen, diese macht dann einen Linkskurve, danach in die Hauptstraße rechts einbiegen (unmittelbar nach der Bäckerei), der Straße folgen, bis zum nächsten Kreisverkehr. In diesem rechts (erste Ausfahrt) Richtung "Alte Kelter, Sportanlagen, Kleingartenanlagen" in die Kelterstraße. Dieser ca. 650 m folgen, bis zum Sportplatz.

Anfahrt mit öffentlichen Verkehrmittel siehe Homepage der VVS

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